Wir treten an den Rand des Meeres. Keine wilde Küste liegt vor uns , kein mühsames Auf– und Absteigen liegt hinter uns, kein Berg, von dem wir herabschauen. Nichts was den Atem verschlägt. Ein brav gerader Streifen Sandstrand nicht weit von unserer Behausung. Eine klare Linie, die Land von Wasser scheidet: Fläche von Nah zu Fern ohne kulissenhafte Staffelung . Keine Planzen oder Tiere im Vor– oder Mittelgrund. Kein Autogeräusch, keine Stimmen. Nur zweimal können wir Spuren einer Sandburg entdecken. Sonst nur die Spuren des Windes im Sand. Die Buhnen im Wasser zeugen vom Willen, die Elemente festzuhalten. Der Himmel über uns ist fern wie der Horizont.
Hier findet kein an einen bestimmten Augenblick gebundenes Ereignis statt. Nichts Außergewöhnliches, journalistisch Interessantes. Keine Neuigkeit aber doch eine Aktualität: Nichts Veraltetes von gestern, abgelegen und unwesentlich? Wir sehen der Natur kaum wirklich dort zu, wo sie nicht spektakulär und schrecklich wütet. Wo nicht Kultur und Natur aneinander geraten. Oder wo sie uns fremd und exotisch scheint. Dabei ist Natur sublim nicht in ihrer Gewalt über den Menschen, sondern in ihrer Indifferenz und Dauer dem Menschen gegenüber. Das bewohnte Land verändert sich, trägt die Spuren der Zivilisation. Aber dort wo Wasser und Wolken sind, sähen wir auch morgen, was wir heute sehen, wenn wir hinsehen.
Was hier zu sehen ist, ist Licht, Dunst, sind Wolken, Reflektionen auf dem Wasser, Wellen. Immmer wieder. In anderen Details. Zu scheinbar nahgelegenen Zeitpunkten, zu unterschiedlichen Sonnenständen. Immer wieder am selben Ort. Am selben Ort? Der Streifen Strand und die Buhnen im Wasser sind der einzige Beweis, daß wir nicht unseren Standort verändern. Dunst läßt den Horizont zerfließen. Grün. Grau. Blau. Grau, immer wieder andersfarbiges Grau. Wind kommt auf, ohne daß wir ihn hören und kräuselt die Fläche vor uns. Kalt? Warm? Wolken tauchen auf, verdichten sich, verändern die Form und Farbe: Verschwinden. Die Sonne geht unter. Gelblich. Rot. Rosa. Dunkelheit kriecht über das Wasser. Schwarz. Dann ist es wieder ruhig. Still. Glatt. Gleichförmig. Dann ist es wieder hell, klar, blau, wolkenlos. Das Schauspiel wird erst in der Serie sichtbar, erfaßbar in seinem Reichtum. Je öfter wir hinsehen, desto mehr nehmen wir wahr. Dabei sind die Mittel reduziert.
Wir nehmen wahr, wenn wir eine Auswahl treffen, den Raum in einen Rahmen setzen. Innerhalb dieses festen Rahmens spielt die Zeit.
Ralph von Kaufmann hat auf der Insel Hiddensee in der Ostsee innerhalb von 14 Tagen diese Serie von Augenblicken festgehalten. Er hat einen Standort gewählt, das Format der Fotografie festgelegt und die Brennweite. Dann hat er fotografiert. Zu verschiedenen Zeitpunkten des Tages. Immer wieder. Die Komposition ist minimalisiert durch die fixe Einrahmung innerhalb derer die Natur tut was sie tut. Die zufällige Wahl des Zeitpunktes der Fotografie läuft der Zufälligkeit des Wetters parallel. Die Fotografien sind nicht chronologisch angeordnet, ergeben keinen ”Film”, keine einfache Dokumentation, sondern führen uns immer wieder hinter das Licht. Zwingen uns, genau hinzusehen, zu vergleichen und zu unterscheiden. Lassen uns entdecken und immer neue Ordnungen finden von Farben, Formen, Texturen, Zeitpunkten des Tages, Wetterumständen, usw. Dies ist kein Rückverweis auf den Menschen, seine moralische Freiheit angesichts der Gewaltigkeit der Natur. Nur ruhige Beobachtung. Verwunderung. Feststellung.