Spuren zur Kirche


Ein Photoessay von Ralph von Kaufmann

Photographie ist ein Spiel mit Licht, objektiver Prozeß und subjektive Wahl, Dokument einer Beobachtung und inszenierte Bilderfindung. Zwischen diesen Positionen spielt Ralph von Kaufmann und lockt uns, seine Bilder und Bildfallen genauer anzusehen. Auf den ersten Blick sind seine Aufnahmen journalistische Dokumente städtischer Landschaft im dynamischen Umbruch und vermitteln den Eindruck einer getreuen Wiedergabe des hier und heute Vorhandenen, wie man es so nur auf einem Photo festhalten könnte. Die Serie von Hinweisschildern für Fußgänger zur St. Gertrudenkirche im Hafenerweiterungsgebiet Hamburg–Altenwerder deutet auf den scheinbaren Kontrast zwischen kommerzieller Industriebaulandschaft und der Seelsorge der Kirche.

Die graphisch prägnanten Schilder auf dem Weg zur Kirche sind Anlaß und Leitfaden seiner Bilder. Der Photograph folgt ihnen entlang Lichtmasten und Autobahnbrücken. Hin und wieder sehen wir Überreste romantischer Landschaft, durchschnitten oder eingerahmt von den Linien der Zweckarchitektur; sanfter Lichtschein trifft auf harten Beton. Der neue Asphalt wiederum wird aufgebrochen vom Wildwuchs der Natur. Irgendwo konträr zu den Richtungen und Kraftlinien der Umgebung deutet ein Hinweis zur Kirche. Doch auf keiner der Aufnahmen wird die Kirche erreicht. Alle zeigen die Stadtnatur unterwegs. Die Botschaft scheint eindeutig: ”Weit ist der Weg, unerreichbar das Ziel in unserer heutigen Zeit...”

Schaut man jedoch etwas länger hin, ist die Vorgabe nicht mehr so klar. Denn der Weg in Altenwerder ist in Wirklichkeit kurz und führt schnell zur St. Gertrudenkirche. Das Areal, in dem Ralph von Kaufmann photographiert hat, ist klein. Die Wirkung eines langen, verschlungenen Labyrinths ist das Ergebnis immer neuer Kamerastandpunkte, genauer Objektivwahl, um nicht zu viel oder zu wenig auf das Bild zu bannen und langer Beobachtungen, die vermeiden, daß eine bestimmte Szene oder ein Teil davon wiederkehrt. Oder täuscht man sich? Wird da nicht exakt dieselbe Stelle gezeigt aber ein anderes Schild? Existiert diese Szenerie dort eigentlich wirklich oder hat der Photograph an verschiedenen Orten Hinweisschilder inszeniert, um interessante Bilder aufnehmen zu können? Wenn wir selbst den Ort aufsuchten, könnten wir dies überprüfen. Aber dann würden wir mit Sicherheit wieder etwas anderes sehen. Denn was sich in dem Photoessay geschlossen präsentiert, entstand über einen längeren Zeitraum. Die Schilder wurden von der Küsterin gewechselt und die Baustellen sind zum Teil längst fertiggestellt. Nur in der Photoserie existiert diese besondere Wirkung.

Der Betrachter kann weitere Fragen spinnen: Hat nicht vielleicht die protestantische Kirche den Grundstein für die Industrialisierung und die Aufklärung gelegt? Wird die Kirche hier so zu sagen bildlich von ihrer eigenen Entwicklung überholt? Wirken die Aufnahmen der Industrielandschaft und Kirchenschilder nur deshalb paradox, weil wir die Bildsymbole mit vorgegebenen Inhalten füllen? Ist die Photographie als technischer Prozeß nicht genauso doppeldeutig, indem sie den Eindruck erweckt Wirklichkeit festzuhalten, aber dann nur zeigt, das die hier abgebildete ”Realität” so nicht mehr existiert oder so nie existiert hat? Das Interessante für Ralph von Kaufmann sind die Bilder an der Wand und im Kopf sowie der Spaß, genau hinzusehen. In der ”Realität” wie auf dem Bild.